
Selbstfürsorge ist essentiell für Menschen, die mit Fibromyalgie leben
Selbstfürsorge ist wichtig für chronisch Erkrankte und doch schwer im Alltag umzusetzen
Dies ist auch für mich ein stetes Lern- und Übungsfeld und es fällt mir mal leichter und mal schwerer gut für mich zu sorgen. Ich übe sozusagen täglich und trainiere meinen „Selbstfürsorgemuskel“ nun schon seit einigen Jahren.
Als an Fibromyalgie erkrankter Mensch ist Selbstfürsorge ein so wichtiger Baustein bei allem was wir eigenständig tun können. Wir wissen, dass es gesund ist sich gut zu versorgen, denn erfüllen wir unsere Bedürfnisse geht es uns besser. Wenn wir diese konstant übergehen, weil wir im „Funktionieren-Modus“ sind, gerät unser System schnell in Stress und wir fühlen uns schlechter, Symptome können getriggert werden.
Selbstwirksamkeit entsteht auch durch Selbstfürsorge.
Das fängt schon mit den einfachsten Grundbedürfnissen an:
Trinke ich sofort etwas, wenn ich Durst verspüre?
Suche ich zeitnah eine Toilette auf, wenn die Blase drückt?
Bin ich angemessen gekleidet, oder ist mir warm und ich fühle mich unterschwellig unwohl?
Reagiere ich auf Hungergefühle, oder warte ich bis mein Körper Unterzuckerung meldet?
Sage ich wirklich mit vollem Herzen „Ja“, oder habe ich gerade keine Kraft für ein Hilfsangebot?
Wir übergehen gerne die feinen Körpersignale, weil wir gerade beschäftigt sind, etwas Dringendes erledigen müssen, oder es schlicht gerade nicht möglich ist. Der Berufsalltag kann da feste Grenzen setzen.
Wir funktionieren häufig wunderbar. Zumindest Viele von uns, denn das haben wir gelernt, so sind wir erzogen worden. Die Gesellschaft mag uns als funktionierender Teil des Ganzen.
Schnell gilt man als egoistisch, wenn man sich selbst wichtig nimmt.
Gerade wir Frauen wachsen als "Versorgerinnen" auf, das Kümmern um alle anderen, saugen wir schon mit Muttermilch und Puppenspielen auf.
Deswegen fällt es uns oft so schwer im Alltag Selbstfürsorge zu leben, zumindest ergeht es mir so.
Das Funktionieren bedeutet, dass ich mich auf sicheren Pfaden bewege, das kann ich gut, das kann ich blind. Aber Pausen nehmen und immer wieder meine Bedürfnisse spüren und befriedigen, fällt mir doch noch häufig schwer.
Ich habe es schlicht nicht vorgelebt bekommen, wie das geht.
Liegen wir bequem auf dem Sofa, um uns eine Pause zu gönnen wird es spannend was unsere eigenen Gedanken uns vor plappern:
„Es wartet noch soviel (Haus) Arbeit auf Dich.“
„Du bist faul.“
„Am helllichten Tag hier herumgammeln...“
Unsere inneren Kritiker und Antreiber sind da schnell am Start und gnadenlos mit dem was sie uns erzählen!
Ich habe vor einiger Zeit die Formulierung "gesunder Egoismus" gegen Selbstliebe getauscht. Das verändert etwas:
Wenn Selbstliebe wächst bemächtigt sie mich, sich endlich vollumfänglich um mich und meine Bedürfnisse zu kümmern. Die Entwicklung geht Schritt für Schritt weg vom Menschen, der primär für alle anderen da ist: Für den Job, die Familie, die Freunde, die Nachbarn.
Solange ich hauptsächlich funktioniere nehme ich meine Bedürfnisse kaum wahr. Meine Wahrnehmung, mein Befinden sind dann nicht so wichtig.
Aber es macht einen riesigen Unterschied, ob ich mich um mein Befinden kümmere, wenn am Rest des Tages etwas Zeit und Energie übrig bleibt, oder ob das oberste Priorität hat.
Denn ich kann mich doch nur gut um alle anderen kümmern, wenn es mir gut geht.
Das habe ich jahrelang "meinen" Schwangeren und Mamas in der Kursarbeit als Hebamme vorgebetet. Ich habe das zu 100% auch so gemeint: "Nur wenn es Dir gut geht kannst Du Dich gut um Deine Familie kümmern."
Wenn der eigene Akku geladen ist, kann etwas abgegeben werden.
Ich mag auch das „Bild“ der Sicherheitseinweisung im Flugzeug, wenn die erklärende Person sagt, dass man bitte im Falle eines Notfalls zuerst sich selbst die herabfallende Sauerstoffmaske aufsetzt, bevor die daneben sitzende Person eine Maske gereicht oder aufgesetzt bekommt! Es zeigt gut wie wichtig es ist nach uns zu schauen, bevor wir die Anderen retten.
Aber ich habe es nicht selbst gelebt, weil ich nicht wusste wie es geht.
Ich bin im "Funktionieren-Modus" aufgewachsen, die Anderen, das Außen ist wichtig habe ich früh schon gelernt.
Erst seit ich verrentet bin, war es mir möglich aus dem Hamsterrad des Funktionierens auszusteigen, langsam Stück für Stück in Babyschritten.
War es doch das was ich kannte und Vertrautes gibt Sicherheit.
Vor allem wenn durch eine chronische Schmerzerkrankung so Vieles im Leben weg bricht. Also bewegt man sich gerne in sicheren und bekannten Bahnen. Eine Sackgasse, denn gerade das Funktionieren wird Schmerzpatienten oft zum Verhängnis. Es geht uns nicht besser, sondern immer schlechter. Bis wir begreifen, dass wir selbst etwas ändern müssen an unserem Lebensstil.
Seit ich also Zuhause bin päpple ich das empfindsame Pflänzchen Selbstliebe. Ich habe keinen grünen Daumen und so wächst es auch nicht linear. Es ist ein auf und ab. Aber ich bin auf dem richtigen Weg.
Und Vieles funktioniert - für mich - erst jetzt auf diesem Weg:
- Therapien konsequent durchführen, weil ich mir wichtig bin.
- Nach neuen Therapien suchen, weil ich mir wichtig bin.
- Begleitung durch einen Osteopathen darf etwas kosten, weil ich mir wichtig bin.
- Ich mache Pläne und formuliere Wünsche, weil ich mir wichtig bin.
- Ich formuliere klar mein Befinden und meine Bedürfnisse, weil ich mir wichtig bin.
- Entwicklung auf meiner „Heilreise“ ist möglich, weil ich mir wichtig bin.
Für mich und meine Belange voll und ganz einzutreten war ein Gamechanger. Nicht die Anderen machen lassen und warten bis mir jemand von Außen hilft, sondern aktiv werden und mir die Hilfe suchen, die zu mir passt. Erst die Selbstliebe bringt die Selbstfürsorge zum wachsen. Für mich persönlich essentiell.
Wir sind verantwortlich selbst gut für uns zu sorgen. So wie wir es ganz selbstverständlich für unsere Lieben tun.
Nichtsdestotrotz kann man Selbstfürsorge lernen und üben und im Alltag verankern.
Für uns, für mehr Wohlbefinden, für notwendige Pausen, weil wir es verdient haben❣️.
Weil es niemand anderes für uns tut.
Weil es gut ist das unseren Kindern und Enkeln vorzuleben!